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Ventil - |
Hummeln
im Hintern Schon seit einigen Jahren stelle ich immer wieder ganz gespannt die Ohren auf, wenn mir jemand von irgendeinem Freund oder Bekannten erzählt, der wieder einen kennt, dessen Schwager's Sohn eine der herausfordernsten RTFs gefahren ist: Trontheim - Oslo. Leider kann man selten einen der kühnen Pedalritter persönlich sprechen... schließlich gibt's die nicht wie Sand am Meer, wie Dolomiten-Marathoner zum Beispiel. Doch die Faszination von über 500 km im Sattel zieht mich immer wieder in ihren Bann. Wie kann man das nur aushalten? Geht das überhaupt? Warum macht man sowas denn eigentlich? Vor wenigen Wochen unterhielt ich mich dann mal mit einem neuen Arbeitskollegen, der wieder einen kennt, usw. Der ist doch tatsächlich unter 20 Stunden gefahren. In einer Gruppe von 10 Mann konnte man eben Tempo machen, erklärte sich mein Kollege die für mich astronomische Schnittgeschwindigkeit von über 29 Kilometer pro Stunde. Aber muß es denn gleich Norwegen sein? Nachdem ich immer wieder nachgedacht hatte, wie man so was wohl überhaupt trainieren kann, kam ich auf die Idee, einfach mal den Test zu machen. Körperlich fit genug fühlte ich mich dazu letzte Woche (05.09.98). Eigentlich sollte der Selbsttest erst einmal in Erfahrung bringen, wie man denn mit der Dunkelheit zurecht kommt, denn die läßt sich da bekanntlich bei solch großen Strecken nicht umfahren. Zugegebenermaßen, in Norwegen mag das eher möglich sein, bei Mitternachtssonne und frühem Start. Als Ziel hatte ich mir den Bodensee ausgeguckt, da kannte ich zumindest teilweise die Strecke, die es zu bewältigen galt. Die Wettervorhersage klang auch nicht allzu schlecht, und so machte ich mich am Samstagmittag um Punkt 14 Uhr auf die Reise. Zunächst galt es, sich durch die Schmidener Kirbe zu kämpfen, was eines der schwierigsten Unterfangen der gesamten Tour sein sollte. Nachdem der Schurwald überquert war, ging es durchs Neckartal Richtung Nürtigen und dann links nach Reutlingen. Hier machte ich die erste und, wie ich jetzt sagen kann, auch die einzige längere Rast, McDonalds lag so günstig an der Hauptstraße! Die Alb wurde dann bei Pfullingen erklommen. Kaum war ich oben, fing es an zu regnen, aber der Schauer war nur von kurzer Dauer, und ich fand unter einem Baum Schutz. Danach wurde ich allerdings von unten naß, auch nicht besser. Gammertingen war bald erreicht und auch schnell durchfahren. Der Wind stand günstig im Laucherttal. Als ich Sigmaringen erreichte, war es bereits stockfinster. Ich hatte 6 Batterien für mein Vorderlicht dabei, als Rückleuchte verwendete ich zwei rote LED-Blinklichter, die unterschiedliche Blinkgeschwindigkeiten hatten, so erhoffte ich mir die größtmögliche Erregung an Aufmerksamkeit der Autofahrer. In Pfullendorf war dann der erste Boxenstopp fällig, die Trinkflaschen waren leer. Auf die Frage der Dame an der Kasse, wo ich denn heute noch hinwolle, sagte ich: Stuttgart... via Friedrichshafen. Der Gesichtsausdruck verriet ihren Zweifel. Getankt habe ich Super verbleit, oder besser gesagt Cola. Bloß den Hungerast vermeiden, lautete die Devise. Nicht in meine Planung einbezogen hatte ich den Mond, doch der war fast voll, was die eigene Frontbeleuchtung bei unbewaldeter Fläche und wenig Wolken manchmal fast unnötig werden ließ. Die Temperaturen waren angenehm. Ich hatte eine langärmlige Castelli-Jacke und eine dünne, reflektierende Überhose von Gonso an. Im Rucksack war Regenkleidung und Verpflegung untergebracht. Gegen 22:15 Uhr konnte ich den See zum ersten Mal sehen, sogar die Schweizer Berge, ein irres Gefühl. Punkt 23 Uhr wurde dann per Telefon Vollzug aus Überlingen gemeldet. Ein alter Schulfreund schob Nachtschicht bei Mahle, und wir telefonierten immer wieder mal an diesem Abend, um uns gegeseitig wach zu halten, was bei ihm aber wohl eher nötig war. Bei mir waren die Hormone genügend in Wallung, und als ich nach einer Stunde in Friedrichshafen den See um Punkt Mitternacht wieder verlassen mußte, war ich schon etwas traurig, denn jetzt kam der schwierige Teil der Strecke, das war klar. Das Ziel hinter sich gelassen, die Beine schon angeschlagen, mitten in der Nacht und immer noch über 200 Kilometer zu fahren. Ich bog auf die B30 nach Ravensburg ein. Hier lassen sich die Kilometer gut runterradeln. Die Strecke ist flach und um diese Zeit von Kraftfahrzeugen nur schwach befahren. Doch die wenigen, die unterwegs sind, scheinen wohl ihren Augen nicht zu trauen, wenn sie da den kleinen, reflektierenden Punkt vor sich sehen. Nur so kann ich mir das selten abgeblendete Fernlicht erklären. Fahrzeuge, die mich überholten, machten mir so noch einen Gefallen, konnte ich doch endlich einmal sehen, wo ich eigentlich hinfahre. Der Gegenverkehr ließ mich gegen Ende der Nacht dann jedoch immer lauter fluchen. Die grellen Scheinwerfer blendeten ungemein, und waren sie erst einmal vorbei, stand man in totaler Finsternis. Da mir selber ein starkes Licht nach vorn fehlte, sah ich sekundenlang gar nichts mehr, bis sich die Pupillen wieder auf die Dunkelheit eingestellt hatten. In Ravensburg hatte ich mich dann zum ersten Mal so richtig verfahren. Plötzlich war da das blaue Autostraßenschild vor mir, und ich mußte wenden. Die Ausschilderung in der Stadt war eine einzige Katastrophe. Ich stand schon vor der Polizeiwache, um mich nach dem Weg zu erkundigen, als ich doch noch den rettenden Fahrradweg sah. In keiner anderen Stadt mußte ich die Straßenkarte so oft bemühen wie hier. Für den Kraftfahrzeugverkehr vorbildlich, für Radfahrer unterste Schublade (bitte eine Kopie an die Ravensburger Stadtplaner). Auf der B30 ging es dann nach Bad Waldsee und Biberach. Immer wieder mußte man die Straße kurzfirstig verlassen, weil sie nur für den Kraftfahrzeugverkehr frei war. Das war aber kein Problem, man konnte sich gut zurechtfinden. Ab Biberach waren die Flaschen wieder leer und keine Tankstelle in Sicht. Bis Ulm mußte ich mich durchschlagen, ehe ich vor dem erneuten Albaufstieg nochmals nachtanken konnte. Inzwischen konnte ich auch kaum mehr sitzen, der Tacho stand bei 320 Kilometern. Die Beine hatten bis dahin recht gut mitgemacht. Die Müdigkeit war zu meiner großen Überraschung das geringste Problem. Aber wie schon angedeutet... das Hinterteil. Am Berg wurde ohnehin nur noch im Wiegetritt gefahren, aber auch in der Ebene ging ich immer häufiger aus dem Sattel. Durchs Lehrtal ging es nach Dornstadt und hier die Sonne auf. Endlich wieder Licht, und aus dem Miniradio ertönte die Sendung Sunrise, das hat gepaßt. An dieser Stelle sei gesagt, daß ich bei gutem Empfang die Nacht hindurch die Kopfhörer im Ohr stecken hatte. Ein heißer Tekknobeat oder auch der Meister hält einen fit und die Augen offen. Über die B10 war Göppingen schnell erreicht, die Schnittgeschwindigkeit lag bei 24,9 km/h. Die letzten Kilometer nach Fellbach wurden dann allerdings zur puren Qual. Das Ziel so nah vor Augen, wurden die Beine immer schwerer. Die nochmalige Überquerung des Schurwalds kostete mich ganze 0,8 Stundenkilometer im Schnitt! Und da standen dann auch noch Pflaumenbäume, da konnte ich nicht vorbeifahren, tat der Hintern doch so weh. Jetzt war jede Entschuldigung willkommen, um aus dem Sattel zu gehen. Nach zwanzigeinhalb Stunden erreichte ich die heimische Wohnungstür und war froh, daß es vorbei war. 430 Kilometer bei einem Fahrschnitt von 24,1 km pro Stunde. Lediglich eine Pause nach bereits 80 km hatte ich eingelegt. Die Nacht über war es trocken geblieben, lediglich die Straßen waren fast überall feucht, wo auch immer ich hinkam. Mit Sicherheit werde ich die Tour wiederholen, aber nicht morgen! Festzuhalten bleibt, daß die Nutzung der großen Bundesstraßen nachts überhaupt kein Problem darstellt. Man kommt schnell und sicher ans Ziel. Radwege neben der Straße werden zur Falle. Durch den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg wird durch das tief gelegene Licht der entgegenkommenden Fahrzeuge ein langer Schatten über den Weg geworfen. Man sieht rein gar nichts mehr, ein Ausweichen auf die Straße ist unumgänglich. Nach drei Stunden Schlaf hatte ich mich wieder erholt, auch mein Hinterteil. Pannen hatte ich glücklicherweise keine. Meine 6 Batterien habe ich allesamt gebraucht! Fährt nächsten Herbst jemand mit? Martin Lühning |
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