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El Tour de Tucson
Im Rahmen
eines USA-Aufenthaltes im letzten Herbst habe ich mir die
Teilnahme am größten Radspektakel der USA (so der
Veranstalter selbst) gegönnt. Der Name: El Tour de
Tucson. Es war die 16. Auflage dieses USA-Radrundfahrtklassikers
im Südwesten der Vereinigten Staaten. Tucson liegt in
Arizona, ca. 50 Meilen nördlich der mexikanischen Grenze.
Arizona ist der östliche Nachbarstaat von Kalifornien,
einen westlichen Nachbarstaat hat Kalifornien ja
bekannterweise nicht, na ja gut, Hawaii. Tucson ist dem
ein oder anderen vielleicht von Film und Fernsehen her
bekannt. Gleich hinterm Berg sind die Old Tucson Film
Studios, wo alle bekannten Westerngrößen schon mal
einen Szene agedreht haben. Auch nicht weit ist die
Biosphere II, das Experiment eines großen Ölmultis, der
mal testen wollte, ob wir künstliche Welten bevölkern könnten,
müßten wir wegen der Umweltverschmutzung mal auf den
Mars umziehen. Das Projekt ist kläglich gescheitert, das
Dach war nicht dicht. Und dann gibt's in Tucson noch den
ein oder anderen Flugzeugfriedhof, das Wüstenklima läßt
die stillgelegten Maschinen nicht altern, in Arizona gibt's
übrigens auch keinen Rost an Autos oder Fahrrädern. Die
Werbung für die vollverzinkte Karosserie erzeugt bei den
Zonies nur ein müdes Lächeln. Aber zurück zum Thema.
El Tour de Tucson findet meist am dritten Samstag im
November statt. In der Wüste ist das die Jahreszeit mit
den besten klimatischen Voraussetzungen zum Radeln.
Aufgrund meiner familiären Beziehungen in Tucson mußte
ich kein Rad über den Teich mitschleppen, ich habe mir
eins von einem Bekannten geliehen, einen Landshark mit
Dura Ace Ausstattung, womit die Technik für diesen
Bericht abgehakt sei, nur eines noch: Ein Radladen in
Tucson warb damit, in der Nacht vor dem Tourstart
durchgehend geöffnet zu haben, damit man Mängel am Rad
buchstäblich in letzter Minute noch beseitigen konnte,
soviel zum Thema Ladenschluß und Service. Bevor es am 21.
November letzten Jahres ernst wurde, hatte ich noch 2
Wochen Zeit mich zu akklimatisieren und trainieren. Um
Tucson herum gibt es tolle Strecken und Steigungen und
das Flair ist einfach ein Anderes, die Reben werden durch
Kakteen ersetzt. Auch Getier gibt es hier anderes, mir
lief einmal eine Tarantel mitten über die Straße, aber
die sind so groß, da fährt man besser nicht drüber.
Also habe ich gewartet und noch schnell ein Foto gemacht.
Ganz schön haarige Angelegenheit.
Start war dann am Samstag um 7 Uhr. Die Sonne ging um 6.58
h auf... es war bitterkalt. Die meisten Radler hatten
Jacken und lange Hosen an, oder Beinlinge und Ärmlinge.
Ich habe meine Beinlinge Steffi gegeben, die mich zum
Start in Downtown Tucson gefahren hatte, kurz bevor es
losging. Ich hatte den Photo dabei und deshalb nicht so
viel Platz in meinen Trikottaschen. Wie von Radmarathons
in Europa bekannt gab es auch hier bestimmte Abschnitte,
in die man sich stellen sollte, sortiert nach
Schnelligkeit, aber das wurde nicht richtig kontrolliert.
So landete ich per Zufall in der Goldgruppe, das heißt,
schneller als sechs Stunden im Vorjahr. Wie schon
angedeutet friert man sich auch in der Wüste vor dem
Start den Hintern ab. Kurz vor sieben wurde es still und
ein Trompeter spielte die Nationalhymne. Das möchte ich
mal bei der Alb-Extrem oder so sehen... Punkt sieben ging
es los. Die Strecke war im allgemeinen eher flach. Die
Steigungen sehr moderat aber lang (12 Meilen die erste),
man konnte sie aber in einem hohen Tempo fahren, ein
vergleichbares Streckenprofil fällt mir aus Europa
momentan nicht ein.
Die Organisation war erstklassig. Die gesamte Strecke
wurde bei Bedarf abgesperrt, das heißt an jeder Kreuzung
waren COPS, die den Verkehr im Sinne der Radfahrer
regelten, teilweise kilometerlange Staus waren die Folge.
Besonders auffällig war die große Anzahl teilnehmender
Frauen, ich würde ihren Anteil ohne zu übertreiben auf
gut 30 Prozent schätzen, wenn nicht sogar mehr, das müßte
man mal anhand der Platzierungsliste erörtern (diese
findet man übrigens auf www.pbaa.com im Internet). Auch
eine große Anzahl Tandems war dabei, auf der 111 Meilen
Tour (179 Km) insgesamt 61 Stück. Teilnehmer insgesamt:
3883, davon 1894 Einzelfahrer 111 Meilen. Beste Zeit 4:26
h. Wahnsinn!
Ich hatte leider keinen Tacho an meinem Rad und
Kilometerhinweise gab es zunächst auch nicht am Straßenrand.
Mein persönliches Ziel war die 6-Stunden-Schallmauer zu
durchbrechen, daran geglaubt habe ich aber selbst nicht
so richtig. Das würde einen Schnitt von 30 km pro Stunde
bedeuten. Zum ersten mal daran geglaubt habe ich, als ich
ein Schild sah, "Ihr habt schon 59 Meilen", da
wußte ich endlich, wo ich war. Ein Blick auf die Uhr
verriet, 2:50, das war gut. Mit einem Schnitt von 20
Meilen pro Stunde war es möglich... sogar etwas
Vorsprung herauszuarbeiten, wußte ich zu dem Zeitpunkt
ja noch nicht, wieviel mich die Flusskreuzungen kosten würden,
bis dato war noch keine erreicht. Flußkreuzungen? Ja,
sowas gibt's nur bei El Tour. Die Strecke rund um die
Stadt wird von zwei, zu dieser Jahreszeit,
ausgetrockneten Flußläufen durchquert, und da muß man
durch. (BILD) Es ist etwas sandig und sieht witzig aus,
wenn alle die Räder schultern und dann ab durch die
Mitte. Der zweite Rivercrossing war nur knapp 8 Meilen
vor dem Ziel gelegen und zu diesem Zeitpunkt war mir klar,
daß ich mein Ziel erreichen werden. Die letzten Meilen
waren allesamt flach und ich hatte ca. 25 Meilen vor dem
Ziel ein 5-köpfige Gruppe aufgegabelt, die ein sehr
gutes Tempo fuhr und perfekt harmonierte. Die Führungsarbeit
wurde gerecht aufgeteilt, eine Ablösung erfolgte ca.
alle 2 Minuten. Mit von der Partie war natürlich auch
eine Frau! Nach 5 Stunden und 42 Minuten war es vorbei,
und in strahlendem Sonnenschein überquerte ich den
Zielstrich in Downtown Tucson. Meine Freundin war leider
noch nicht da, um das Zielfoto zu schießen. Ich hatte
ihr am Vortag gesagt, daß ich mindestens 6:30 brauche,
da ich mich die Tage vorher eigentlich recht schlapp gefühlt
hatte. Aber an diesem Samstag lief alles perfekt, Technik,
Fitneß und äußere Umstände. Ein tolles Raderlebnis,
das man mal mitgemacht haben sollte. Amerikas größte
Radveranstaltung, El Tour de Tucson.
Um das Mitmachen möchte ich noch ein paar Anreize
liefern... nicht nur, daß die Flugpreise zu dieser
Jahreszeit extrem günstig sind, nein, es gibt noch
andere Aspekte, die gerade einen Sportler antreiben:
Das Publikum ist begeisternd, überall an der Strecke
sind Menschen und jaulen und grölen, etwas, was man bei
uns echt nicht gewohnt ist. Die meist gehörten Worte
sind "You're looking good - way to go". Es ist
unwahrscheinlich, wer da alles auf den Beinen ist. Dazu
muß man kurz etwas ausholen: Viele Radler sind hier
unterwegs, um Geld einzutreiben für einen guten Zweck,
so wie bei uns vielleicht die MS-Aktion. Die Ganze El
Tour ist ein riesiger Spendeneintreiber, jeder Fahrer muß
mindestens 5 $ spenden, die werden mit der Startgebühr
erhoben. Ein riesiges Team mit eigenem Zelt am Start aus
verschiedenen Staaten war am Start, sie waren für
Leukemiekranke unterwegs. Kein Wunder also, daß mitten
in der Wüste plötzlich eine Horde von Rollstühlen mit
Fähnchen schwingenden Menschen saß, die wohl ihre helle
Freude an den tausenden bunten Radlern hatten. An einer
anderen Ecke hatte ein Pfadfinderclub eine Zelt aufgebaut
mit Verpflegungsstation, überall wurde geklatscht. An
jeder Kreuzung, gut, davon gibt's in der der Wüste nicht
so viele, standen Wohnmobile und kleine Grüppchen, die
einen anfeuerten, eine Atmosphäre, die ich sonst noch
nirgends erlebt hatte. Und dann die Polizei, das ist
schon toll, wenn man so organisieren kann. Es müssen
hunderte gewesen sein, die sich in der prallen
Mittagssonne auf die großen Innestadtkreuzungen gestellt
haben. Wenn zwei 6-spurige Strassen aufeinander treffen
braucht man schon mal locker 6 bis 8 Mann, um das in den
Griff zu bekommen, und die Radler hatten immer Vorrang.
Wenn man an eine Rechtskurve kam, war die Abbiegespur für
Radler durch Hütchen abgeriegelt und der restliche
Verkehr mußte sich nach den Radlern einordnen.
Dieses Jahr findet die El Tour de Tucson am 20. November
statt...
Martin
Lühning
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